Das Seniorenzentrum Sankt Franziskus in Karlsruhe bietet stationäre und teilstationäre Pflege. Angesichts der zunehmenden Zahl älterer Menschen und der demographischen Veränderungen (Kinder leben seltener vor Ort oder sind selbst bereits alt) wächst der Bedarf an Pflegeheimplätzen. Über seine Motivation und seine Arbeit – gerade auch in Zeiten der Epidemie – spricht in unserem Interview der Leiter des Caritas‐Seniorenzentrums St. Franziskus in Karlsruhe, Michael Kaul.
Palliative Care ist eine Haltung, keine Versorgung

Palliative Care Forum: Corona hat die Pflegeheime in der Öffentlichkeit ins Bewusstsein gebracht: Wie haben Sie die Zeit überstanden? Wie geht es den Pflegekräften? Den Bewohnerinnen und Bewohnern?
Michael Kaul: In der Tat waren die Nachrichten aus Pflegeeinrichtungen sehr erschreckend, wonach Bewohnerinnen und Bewohner schwere Depressionen entwickelten oder das Essen verweigerten. Glücklicherweise ist das St. Franziskusheim davon verschont geblieben. Da haben uns wahrscheinlich zwei Faktoren geholfen: Erstens der Zufall. Wir hatten letztes Jahr sowieso schon versuchsweise begonnen, die Zimmer mit W-Lan auszustatten, damit die Bewohnerinnen und Bewohner mit ihren Angehörigen mit Videoübertragung telefonieren können, und alle Weichen dahingehend waren gestellt. Wir haben im März dann eigentlich nur noch mit einem Knopfdruck auf »Regelbetrieb« umgestellt. Das war für die Bewohnerinnen und Bewohner natürlich eine großartige Sache, sie konnten bis zu acht Angehörige gleichzeitig auf einem großen Fernsehbildschirm sehen und sprechen.
Und der zweite Faktor waren unsere räumlichen Voraussetzungen: Dadurch, dass wir größere Hausgemeinschaften haben, sind soziale Kontakte untereinander ja schon mal zu allen anderen Mitbewohnerinnen und –bewohnern möglich, da sie als ein Haushalt gelten. Auch zu den anderen Hausgemeinschaften funktionierten die Fenstergespräche über 2,5 Meter breite? Pflanzbeete hinweg gut, und nach innen zeigen die Balkone aller Wohngemeinschaften in einen Innengarten. Das haben wir natürlich zu nutzen gewusst und an Ostern nicht nur einen Gottesdienst gefeiert, sondern auch ein Osterfeuer angezündet. Auch Konzerte fanden hier statt. Also alles in allem hatten wir optimale Rahmenbedingungen. Dass die Stimmung jederzeit gut war, verdankt sich aber vor allem auch unseren Mitarbeitenden in der Pflege, die diese schwierige Zeit mit den herausfordernden Bedingungen hervorragend gemeistert haben.
Und der zweite Faktor waren unsere räumlichen Voraussetzungen: Dadurch, dass wir größere Hausgemeinschaften haben, sind soziale Kontakte untereinander ja schon mal zu allen anderen Mitbewohnerinnen und –bewohnern möglich, da sie als ein Haushalt gelten. Auch zu den anderen Hausgemeinschaften funktionierten die Fenstergespräche über 2,5 Meter breite? Pflanzbeete hinweg gut, und nach innen zeigen die Balkone aller Wohngemeinschaften in einen Innengarten. Das haben wir natürlich zu nutzen gewusst und an Ostern nicht nur einen Gottesdienst gefeiert, sondern auch ein Osterfeuer angezündet. Auch Konzerte fanden hier statt. Also alles in allem hatten wir optimale Rahmenbedingungen. Dass die Stimmung jederzeit gut war, verdankt sich aber vor allem auch unseren Mitarbeitenden in der Pflege, die diese schwierige Zeit mit den herausfordernden Bedingungen hervorragend gemeistert haben.
Palliative Care Forum: Was ist das Seniorenzentrum St. Franziskus? Welche Formen der Pflege bietet es? Wie hoch ist der Anteil an Menschen mit Demenz?
Michael Kaul: Wir sind eine Einrichtung des Caritasverbands Karlsruhe e. V. und haben in der stationären Einrichtung 78 Plätze in sechs Hausgemeinschaften à zwölf Bewohnerinnen und Bewohner?, davon verfügen drei Hausgemeinschaften über jeweils zwei zusätzliche Plätze für die Palliativpflege, also zwei feste Zimmer mit entsprechender Ausstattung, die planbare Kurzzeitpflege und die Verhinderungspflege. Unsere Tagespflege hat 14 Plätze und unsere Kurzzeitpflege Südwest in den Räumen der Marienklinik verfügt über 14 Plätze Kurzzeitpflege. Der Anteil der Bewohnerinnen und Bewohner mit Demenz beträgt zirka ein Drittel.
Palliative Care Forum: Viele Menschen sterben heute, so steht es in den Zeitungen, im Pflegeheim. Wie geht eine Einrichtung damit um? Haben Sie ein bestimmtes Konzept?
Michael Kaul: Bei uns im Haus sterben pro Jahr im Durchschnitt 25 Menschen. Das Thema Tod und wie der Weg dorthin aussehen kann, ist also eine Aufgabe, die uns durchgehend beschäftigt. Da kann es nicht nur um Schmerzlinderung und Körperpflege gehen. Wir verstehen unsere Arbeit so, dass wir den Menschen eine liebevolle Begleitung und einen würdevollen letzten Lebensabschnitt ermöglichen. Niemand soll sich in dieser Phase seines Lebens einsam und verlassen fühlen. Gleichzeitig dürfen aber auch die Mitarbeitenden nicht permanent an ihre Grenzen gebracht werden, indem sie diesen hohen Ansprüchen bei Normalbesetzung gerecht werden müssen. Dafür ist die Zeit einfach zu knapp bemessen. Wir haben uns eingehend damit beschäftigt und ein entsprechendes Palliative Care Konzept erarbeitet: Bekommt in unserer Einrichtung jemand die Diagnose, dass er bald sterben wird, möchten wir alles tun, ihm einen Umzug ins Hospiz bzw. auf eine Palliativstation zu ersparen. Unser Ziel ist es, den bisherigen »Heimplatz« dann in einen »Hospizplatz« mit kompetenter palliativer Versorgung umzuwandeln, um den Menschen in seiner gewohnten Umgebung bis zum Lebensende zu betreuen. Dabei unterstützen uns Palliativmediziner, Seelsorgerinnen und Seelsorger und die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des Hospizdienstes »Abschieds-weise«, deren ehrenamtliche Begleiter Menschen auf ihrem letzten Wegstück begleiten.
Palliative Care Forum: Umfragen sollen belegen, dass die Menschen selbstbestimmt zu Hause und nicht in Einrichtungen sterben möchten. Wie gehen Sie mit solchen Anliegen um?
Michael Kaul: »Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie zuhause sterben will.« Solche Sätze hören wir natürlich öfters, und ein solcher Satz lastet dann ziemlich auf dem Sohn oder der Tochter, die ihn aussprechen. Es stellt sich dann zwar durchaus die Frage, ob dies möglich ist, ob die Angehörigen diesem Wunsch überhaupt entsprechen können. Es stellt sich aber auch die Frage, und das sage ich mit aller Behutsamkeit, ob dieser Wunsch wirklich noch Gültigkeit hat. Wir haben im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht, dass die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner ihre Einstellung zum Thema Tod im Laufe der Zeit durchaus noch einmal reflektiert und dann anders bewertet. Die meisten möchten, wenn das Ende näher rückt, dann durchaus lieber begleitet sterben. Man muss da beizeiten sehr sensibel herausfinden, was die Betroffenen selbst wünschen. Nicht selten hören wir nämlich auch: »Meine Angehörigen glauben zu wissen, was ich will.« Das ist wirklich ein Thema, das sehr viel Fingerspitzengefühl erfordert. Unter den Mitarbeitenden kristallisiert sich oft im Austausch heraus, dass das Thema Sterben einen Bewohner beschäftigt, egal, wie weit im Voraus das sein mag. Darüber sprechen wir im Team und schauen dann, wer das engste Vertrauensverhältnis hat und das mal behutsam ansprechen könnte.
Palliative Care Forum: Dafür braucht es wiederum Zeit ….
Michael Kaul: Genau. Derzeit wird das bei uns noch während der regulären Schlüsselpflegezeit »mitgemacht«, diese Zeit muss entsprechend an anderer Stelle abgeknapst werden; wir arbeiten aber bereits mit Hochdruck daran, eine eigene Kraft speziell für Advance Care Planning abzustellen.
Palliative Care Forum: Worum geht es da, wie würde das dann aussehen?
Michael Kaul: Beim ACP oder der vorausschauenden Versorgungsplanung entsteht ein fortwährender Gesprächsprozess zwischen der Bewohnerin oder dem Bewohner, ggf. seinen Angehörigen und den Behandelnden und Betreuenden, um zu erfahren und dann auch zu dokumentieren, was der Wille des/der Betroffenen jetzt ist und wie er/sie die Dinge in der Zukunft wünscht. Alle Ergebnisse und Entscheidungen der Betroffenen werden regelmäßig schriftlich dokumentiert, aber eben auch regelmäßig überprüft, das ist wichtig: Der Gesprächsfaden reißt quasi nie ab. Zum Prozess gehören Beratungsgespräche und Fallbesprechungen, um konkrete Notfallsituationen in der Zukunft dann besser einordnen und Entscheidungen treffen zu können. Eine solche ACP-Kraft hat eine spezielle Schulung erhalten und hält die Fäden dann quasi in der Hand, dokumentiert aber auch Änderungen so, dass jederzeit nachvollzogen werden kann, was der letztgeäußerte Wunsch des Bewohners oder der Bewohnerin war.
In der konkreten Umsetzung ist aber auch ACP ein sensibles Beziehungsgeschehen. Zunächst muss ja eine Vertrauensbasis da sein, ein Kennenlernen untereinander. Erst dann kann sich der Mitarbeitende an Fragen herantasten wie »Haben Sie eigentlich jemanden, der angerufen werden soll, wenn es nötig ist? Weiß irgendjemand, was Sie wie regeln wollen? Gibt es eine Patientenverfügung, haben Sie jemandem Vollmachten erteilt? Was wünschen Sie sich, wie denken Sie über lebenserhaltende Maßnahmen mit Apparaten?«
Palliative Care Forum: Werden die Mitarbeitenden und Pflegekräfte in den Palliativ‐Themen besonders geschult? Braucht es das?
Michael Kaul: Wir haben für unser Haus ein eigenes Palliative-Care-Konzept erarbeitet, in dem die Fortbildung einen wichtigen Baustein bildet. Die Mitarbeitenden aus allen Bereichen des Hauses können sich in Palliative Care schulen lassen, zusätzlich zu jenen Mitarbeitenden, die vertiefte Fortbildungen zum Beispiel auch in der modernen Schmerztherapie absolvieren. Wir reflektieren dabei regelmäßig, ob es zu besonders belastenden oder auch überlastenden Situationen kommt, für die dann eine externe Fachkraft zur Unterstützung hinzugezogen werden kann.
Es ist wichtig, dass alle Mitarbeitenden nicht nur fachlich gut vorbereitet sind, sondern auch die entsprechende Grundeinstellung mittragen. Ich spreche statt von einer Palliativversorgung daher auch lieber von einer Palliativhaltung, um die es uns gehen muss, in aller Konsequenz.
Palliative Care Forum: Möchten Sie einen Satz nennen/ein Motto, das für Sie in Ihrer Arbeit wichtig ist, und den Sie mit uns teilen möchten?
Michael Kaul: Mich hat die letzte Strophe von Dietrich Bonhoeffers »Von guten Mächten« immer sehr beeindruckt. »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.« Sich getragen fühlen können – das ist es, was wir uns für die Menschen in jeder Lebensphase wünschen. Wenn sie spüren, dass jemand für sie da ist, dass sie sozial und spirituell gut begleitet sind, dann ist das etwas Großes, das wir bewirken können. Dann ist diese letzte Phase eine selbstbestimmte, eine würdevolle. Das ist das Sinnstiftende an unserem Beruf.
Gepostet am 12.4.2021 von Dr. Verena Wetzstein, Studienleiterin Ethik und Projektleiterin Palliative Care Forum
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