Zwischen Artenschutz und Tierethik: Braucht der Naturschutz Zoos?

Video-Dokumentation

Dürfen einzelne Tiere für den Erhalt ihrer Art geopfert werden? Und sind Zoos unverzichtbare Akteure im Kampf gegen das Artensterben – oder längst überholte Einrichtungen? Diese Fragen standen im Zentrum einer ebenso kontroversen wie hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion am 23. Juni 2026 zum Thema „Zootiere“.

Die Debatte hätte kaum aktueller sein können: Das Artensterben gilt neben der Klimakrise als eine der größten globalen Herausforderungen. Laut WWF sind derzeit ein Viertel aller Säugetierarten, jede achte Vogelart und 40 Prozent der Amphibienarten vom Aussterben bedroht. Einige Fachleute sprechen bereits vom größten Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier vor rund 65 Millionen Jahren. Vor diesem Hintergrund diskutierten Dr. Severin Dressen, Direktor des Zoos Zürich, und Prof. Dr. Markus Wild, Philosoph und Tierethik-Experte von der Universität Basel, über die Rolle moderner Zoos.
 
Ein besonders kontroverses Thema war die Zucht bedrohter Tierarten, die in Einzelfällen auch die Euthanasie einzelner Tiere erforderlich macht. Im Mittelpunkt stand dabei die grundlegende ethische Frage: Was wiegt schwerer – das Leben des einzelnen Tieres oder der Erhalt einer ganzen Art? Beide Referenten näherten sich dieser Frage engagiert, fundiert und aus unterschiedlichen Perspektiven.
 
Dr. Dressen betonte die vier zentralen Aufgaben moderner Zoos: Bildung, Artenschutz, Naturschutz und Forschung. Der Zoo Zürich engagiert sich in zahlreichen Forschungs- und Naturschutzprojekten, insbesondere im globalen Süden. Sein Credo: „Das funktioniert nur, wenn die Bevölkerung einen Mehrwert sieht.“ Prof. Wild widersprach und bezeichnete dieses Vorgehen als eine Form von „grünem Kolonialismus“. Seiner Ansicht nach könnten alle vier Aufgaben ebenso gut von zoounabhängigen Initiativen übernommen werden. Mit Blick auf gesellschaftliche Veränderungen sagte er: „In der Schweiz brauchte das Frauenstimmrecht 140 Jahre. Ich werde es vermutlich nicht mehr erleben, dass Grundrechte für Affen kommen, aber als Philosoph denke ich in sehr großen Maßstäben.“
 
Die von Dr. Rebecca Albert moderierte Diskussion befasste sich zudem mit der Wirksamkeit von Auswilderungsprojekten und sogenannten Reservepopulationen. Auf die Frage, wie der Zoo der Zukunft aussehen könnte, antwortete Dr. Dressen: „Im besten Fall gibt es in 50 Jahren keine Zoos mehr, weil wir Menschen verstanden haben, welchen Wert die Natur hat.“
 
Die Podiumsdiskussion ist hier veröffentlicht: